Paläontologischer Arbeitskreis Bünde

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Sönke
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Re: Paläontologischer Arbeitskreis Bünde

Beitrag von Sönke » Montag 15. April 2019, 18:45

Hallo zusammen,

wie von Fritz angekündigt, hat uns am vergangenen Freitag Sven Sachs mit seinem Vortrag "Plesiosaurier – Riesen und Langhälse aus dem Mesozoikum" in Bünde besucht. Schon von einem früheren Vorträg über diese Tiergruppe war so manchem der angenehme Vortragsstil des Referenten bekannt. Angenehm besonders auch deshalb, weil es Sven stets bestens gelingt, auch komplizierte Sachverhalte verständlich darzustellen / auf den Punkt zu bringen - eine Kunst, die längst nicht jeder Wissenschaftler beherrscht. Hier zahlt sich Svens Übung darin aus, die Inhalte seiner Forschung an Wirbeltieren (besonderes eben an Plesiosauriern) auch auf allenmöglichen Kanälen (auf seiner Homepage, in Zeitschriften für Hobby-Paläontologen sowie auch in fossilspezifischen Facebookgruppen) allgemeinverständlich darzustellen.

Im Vortrag selbst wurde tatsächlich so ziemlich alles zur Sprache gebracht, was hinsichtlich Plesiosauriern wissenswert ist, beginnend mit der Systematik (Gliederung der Plesiosaurier in Plesiosaurier im engeren Sinne und Pliosaurier), über die stammesgeschichtliche Entwicklung, spannende Entdeckungen und Einzelexponate in den weltweiten Museen (von denen Sven viele selbst besucht hat, in der Regel höchst gezielt um dort ausgewählte Stücke mit Wissenschaftlerkollegen zu bearbeiten), bis zur Lebensweise. Zur Lebensweise bleibt noch so manches im Verborgenen, wobei der Referent darstellen konnte, warum einige historische Zeichnungen, die Plesiosaurier mit wild gebogenen Hälsen zeigen, wohl nicht der Realität entsprechen. Die Beweglichkeit von Wirbel zu Wirbel war sehr gering, auf die gesamte Länge der mitunter überaus langen Halswirbelsäulen bezogen, war allerdings dann doch einiger Spielraum gegeben. Übrigens erbrachte erst die Nachpräparation eines alten Sammlungsstücks vor einigen Jahren die Erkenntnis, dass Plesiosaurier lebendgebärend waren. Dies war auch erforderlich, denn ein Landgang war ihnen, anhand des Skelettsbaus zu urteilen, nicht mehr möglich. Zu den eher neueren Erkenntnissen zählt auch, dass (zumindest einige) Plesiosaurier über eine Art Schwanzfinne verfügten. Der direkte Nachweis gelang über Hauterhaltung an einem in Berlin archivierten Individuum, die erst nach dem Entfernen einer aus unerfindlichen Gründen vor einigen Jahrzehnten aufgebrachten grauen Oberflächenversiegelung sichtbar wurde. Indirekte Nachweise der Existenz solcher Finnen bestehen (analog zu Ichthyosauriern) in Disartikulationen der Wirbelsäule, die sich am ehesten durch eine entsprechende Finne erklären lassen. Wobei dieser Satz eher eine Interpretation meinerseits (bzw. ein Resümee einer Anschlussfrage an den Vortrag) ist, als dass er Gegenstand des Vortrags war.

Zwischendurch streute Sven spannende Geschichten aus der Historie der Paläontologie, wie z. B. die "Bone Wars" des späten 19. Jahrhunderts zwischen den konkurrierenden amerikanischen Wissenschaftlern Marsh & Cope, die ähnlich wie einige persönliche Beobachtungen von Sven auf seinen internationalen Museumsreisen in Erinnerung blieben - so erklärten sich etwa vielfach ummantelte und geschützte, schwer für Untersuchungen zugängliche Archiv-Stücke dadurch, dass das sie beheimatende Museum in Mittelamerika schon mehrfach von Erdbeben heimgesucht wurde, somit erklärte sich die auf den ersten Blick etwas kurios bzw. gar unpraktisch anmutende Vorgehensweise der Kustoden.

Interessant für mich war auch zu erfahren, dass es insgesamt nur recht wenige im Blockbergungsverfahren geborgene Plesiosaurierskelette gibt und doch recht viel von dem, was man in Museen zu sehen bekommt, montierte und (zu großen Teilen ergänzte) Teilskelette sind, deren Knochen einzeln geborgen oder aber später von der Matrix isoliert wurden. Es kam zur Sprache, dass die Ergänzungen üblicherweise in den Ausstellungen nicht dokumentiert werden. Selbst für Forscher wie Sven Sachs ist es mitunter eine Herausforderung herauszubekommen, welche Skelettteile echt sind und welche nicht, wobei es oft Dokumentationen von Bergung und Präparation gibt, die dieses mehr oder weniger transparent machen. Aus dem Publikum wurde der Wunsch geäußert, Ergänzungen besser kenntlich zu machen. Diesem würde ich mich anschließen, z. B. könnte dies ganz schlicht anhand von anatomischen Skizzen erfolgen, welche real vorhandene Skelettelemente farblich hervorheben, während ergänztes Material farblich anders gekennzeichnet wird.

Erfreulich war, dass der Vortrag nicht nur gut, sondern auch gut besucht war. Hervorzuheben ist, dass gleich eine ganze Reihe jüngerer Leute anwesend war - Saurier gehen eben immer! Der Jüngste von allen (geschätzte 4 Jahre?!) war am mutigsten und stellte die erste Frage des Abends, die der Referent genauso souverän beantwortete, wie alle sich anschließenden weiteren Fragen des Publikums. Tatsächlich mussten die älteren Zuhörer erstmal etwas in sich gehen, bis die Fragerunde in Fahrt kam, hatte der Vortrag selbst - in sich von vorne bis hinten durchdacht und schlüssig aufgebaut - keine Fragen offen gelassen. So betrafen die aufgeworfenen Fragen persönliche Funde von Plesiosaurierresten oder Neuigkeiten der Wirbeltierpaläontologie als Verständnisfragen zum Vortrag selbst.

Meine Fotos sind unter den Lichtbedingungen nicht gerade toll geworden und haben eher dokumentarischen Charakter, wenn wir Glück haben, wird vielleicht Fritz hierzu noch etwas nachreichen.

An dieser Stelle Danke an Sven fürs Kommen und die Mühen, uns in Ostwestfalen "sein Thema" näherzubringen!

Viele Grüße
Sönke
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Plesiosaurier erfreuen sich bei alt und jung offensichtlich einiger Beliebtheit. Der Vortrag von Sven Sachs in Bünde war überdurchschnittlich gut besucht. Unter den Anwesenden waren einige neue Gesichter.
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Dr. Rainer Ebel, Vorsitzender des Fördervereins des Dobergmuseums sowie Herz und Seele des Paläontologischen Arbeitskreises Bünde (rechts) begrüßt den Referenten.
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Sven Sachs übernimmt - das Deckblatt seines Vortrags ziert eine Lebenddarstellung dreier Plesiosaurier des mit dem Referenten befreundeten Palaeoartists Joschua Knüppe (Ibbenbüren).
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Dieses und weitere Diagramme verdeutlichten die Abstammung / systematische Stellung und wurden verständlich erläutert - für meinen Geschmack exakt so tief gehend wie es für den gegebenen Rahmen sinnvoll war.
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Aufgrund seines Bezugs zur Region habe ich als Bildbeispiel für so manches spektakuläre Fundstück, das man im Vortrag zu sehen bekam, Rhaeticosaurus mertensi aus Warburg-Bonenburg (Ostwestfalen) ausgewählt, gefunden vom Hobby-Paläontologen und Steinkern-Mitglied Michael Mertens und untergebracht im LWL-Museum für Naturkunde Münster. Das Fossil aus dem Rhät wurde sinngemäß als ältester Plesiosauriernachweis überhaupt wissenschaftlich veröffentlicht - aus meiner Sicht handelt es sich dabei um eine etwas reißerische Darstellung von Wintrich et al 2017. Tatsächlich ist es aber auch ohne dieses Aufbauschen zum Plesiosaurier-Erstnachweis im Rhät ein höchst beachtlicher Fund, allein schon resultierend aus der Tatsache, dass es das bisher älteste und dank seiner Vollständigkeit und recht guten Erhaltung vor allem auch näher bestimmbare Skelett eines Plesiosauriers ist, jedoch sind Nachweise von Plesiosauriern aus dem Rhät eben nichts grundsätzlich Neues.
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