Beitrag: Der Ichthyosaurier vom Ölberg in Regensburg

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Moderator: Sönke

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amaltheus
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Beitrag: Der Ichthyosaurier vom Ölberg in Regensburg

Beitrag von amaltheus » Mittwoch 2. Oktober 2013, 10:02

Hallo Michael,
vielen Dank für die wirklich erstaunliche Geschicht über die Wiederentdeckung eines Fischsauriers.

Der Ichthyosaurier vom Ölberg in Regensburg
Siehe: http://www.steinkern.de/kurioses-und-hu ... sburg.html

Zu dem Fund habe ich einige kritische Fragen die sich mir immer stellen, wenn ich einen Fischsaurier aus Holzmaden sehe.

1. Handelt es sich um einen Fund in Orginalmatrix oder um einen umgebetteten Fund ?
Nicht selten wurden Fischsaurier in eine neue, schönere Platte eingelassen.
Kann man das sagen ? Wurde das schon geprüft ?

2. Aufbauend auf Frage 1 ... kann man eine Aussage treffen, ob es sich um einen einzelnen Fischsaurier handelt ?
Oder liegt vielleicht eine Komposition / Zusammenstellung aus verschiedenen Exemplaren vor ?
Irgendwie kommen wir die Proportionen komisch vor.
Nicht selten wurden verschiedene Funde zu einem neuen arrangiert ... früher wie heute.
Ich selber kann das nicht beurteilen - dazu muss man Spezialist sein und vorallem das Stück vor sich haben.

Ein erfahrener Präparator wird sicherlich schnell feststellen können, was an dem Stück alles echt / Orginal ist oder nicht.

Gruß Thomas

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Triassammler
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Re: Beitrag: Der Ichthyosaurier vom Ölberg in Regensburg

Beitrag von Triassammler » Mittwoch 2. Oktober 2013, 14:05

Hallo Michael,

vielen Dank für den Bericht! Solche Neubetrachtungen historischer Funde sind immer wieder eine schöne Bereicherung und auch unterhaltsam, wenn sie mit geradezu kriminalistischem Spürsinn angegangen werden.

Zwei Anmerkungen hätte ich noch:
1.
Weil solche Fossilien aber im 19. Jahrhundert noch nicht gängige Handelsware waren, darf man vermuten, dass der Ichthyosaurier ein Kauf oder eine Schenkung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war.
Bereits im 19. Jh. waren solche Fossilien eine durchaus gängige Ware, die von ihren "Produzenten" und Händlern sogar in Werbebeilagen naturkundlicher Veröffentlichungen annonciert wurden. Der Aufkauf gewinnversprechender Funde durch Zugereiste aus nah und fern mit anschließendem Verkauf an Museen und Privatsammler in die halbe Welt florierte schon damals.

2. Es sind einige Merkmale vorhanden, die zur Eingrenzung des Alters des Präparats herangezogen werden können:
2.1: Die Oberfläche der Platte, die auf den Fotos naturrauh belassen erscheint. Im 19. und auch noch in der ersten Hälfte des 20. Jh. war es vielfach üblich, die Platten glatt zu schleifen.
2.2: Die anatomisch zumindest im Prinzip richtige Rekonstruktion der Umrisse von Rücken- und Schwanzflosse, die erst möglich war, nachdem es gelang, diese Elemente bei Exemplaren mit erhaltenem Hautschatten präparatorisch darzustellen (soweit ich mich erinnere ab den 1890-er Jahren, aber ohne Gewähr).
2.3: Die in 2.2 angesprochene Praxis der Nachbildung des Körperumrisses war m. W. eher um die Mitte des 20. Jh. gängig, auch wenn sie heute noch vereinzelt Anwendung findet.

Weiteres sei Deiner Recherche überlassen. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass das Präparat irgendwann in den 1950-er Jahren gefertigt worden ist, es mutet in seiner Ausführung doch recht "modern" an.

Gruß,
Rainer
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OlliF
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Re: Beitrag: Der Ichthyosaurier vom Ölberg in Regensburg

Beitrag von OlliF » Mittwoch 2. Oktober 2013, 15:25

Hallo Michael,

da bleibt mir nur übrig, den Hut zu ziehen. Eine wirklich toll zu lesende Geschichte - informativ, investigativ und mit einem herrlichen Augenzwinkern" !

Grüße
OlliF

Seimän
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Re: Beitrag: Der Ichthyosaurier vom Ölberg in Regensburg

Beitrag von Seimän » Mittwoch 2. Oktober 2013, 16:43

Hallo Michael,
toller Artikel , auch wegen der ganzen Informationen und Geschichten drumherum! Bleibt der Ichtyo dauerhaft im Regierungsgebäude (unabhängig davon, ob "er sich dort wohlfühlen kann" :wink: ) oder ist denkbar, dass er an ein Museum oder dgl. geht?

GRüße
Simon

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Miroe
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Re: Beitrag: Der Ichthyosaurier vom Ölberg in Regensburg

Beitrag von Miroe » Mittwoch 2. Oktober 2013, 21:43

Liebe Steinkernfreunde Thomas, Rainer, Olli und Simon,

danke Euch allen für Eure überaus freundlichen Worte!

Der Artikel sollte ursprünglich ein Versuch sein, etwas Ungewohntes, vielleicht Sperriges, jenen Menschen näher zu bringen, die in der Umgebung des Petrefakten arbeiten, die mit ihm vielleicht mehrmals täglich unmittelbar konfrontiert sind. Das ist über die Mitarbeiterzeitung zumindest teilweise gelungen, die ersten Reaktionen hatten mich bereits wenige Stunden nach der Veröffentlichung erreicht.

Leicht aber haben es meine Kolleginnen und Kollegen nicht: Sofern mir einer oder eine von ihnen in der Mittagspause bei der Schwimmechse in die Fänge gerät, werden sie nicht weiter mit dem Fischsaurier konfrontiert, sondern mit meinen Einlassungen zum Bodenbelag vor dem Saurier, einem ungemein lebhaften "Treuchtlinger Marmor", durch den sich mäandrierend Schwammanschliffe ziehen, saubere Schnitte durch Ammoniten und Belemniten, aber auch der polierte Laevaptychus-Schnitt, über den ich an anderer Stelle bei steinkern.de schon berichtet habe. Allein dieser wunderbare Bodenbelag wäre schon einen Bericht wert.

Eine Ergänzung zum Bericht:
Wo genau im Gebäude die Saurier-tragende Platte unter dem Wandputz gefunden wurde, konnte ich trotz intensiver Recherche nicht erfahren. Das kann fünf Meter um die Ecke gewesen sein, das kann auch 15 Meter entfernt im nächsthöheren Stockwerk gewesen ein. Es ist traurig, dass dazu offenbar keine Dokumentation existiert.
Zu Euren Fragen, die ich durchweg nicht zufriedenstellend beantworten kann:

@Thomas:

In vielen Mittagspausen und an einigen Wochenenden habe ich mich intensiv mit der Platte beschäftigt. Ob das Gerippe in eine attraktivere Platte umgebettet worden ist und / oder ob es sich um ein Compositum mixtum handelt, kann ich nicht definitiv beurteilen, also auch nicht sicher ausschließen. Allerdings habe ich auch kein Anzeichen dafür gefunden. Verschobene Proportionen in der Anatomie würde ich auf die gestauchte Wirbelsäule beziehen. Allerdings kann meine Einschätzung als paläontologischer Laie nur oberflächlich sein.

@Rainer:
Danke für Deine Hinweise zum Handel! Es riecht nach raschem internationalisiertem Handel auch ohne entsprechende moderne elektronische Plattformen.
Die Oberfläche der Platte wurde, außerhalb des Skeletts mit Weichteilschatten m.E. nicht geschliffen. Die "Posidonien" liegen schön und unverletzt im "Schiefer". Für die Zeiteinordnung der Beschaffung der Platte fehlt mir jeder Anhaltspunkt. Für mich schien nur klar zu sein, dass die Platte nicht während der Nazi-Barbarei angebracht wurde, da die wissenschaftliche Einrichtung damals demontiert wurde. Ganz ausschließen möchte ich aber auch diesen Zeitraum nicht. Eine Beschaffung nach Ausgliederung der naturwissenschaftlichen Einrichtungen halte ich auch für ziemlich ausgeschlossen. Das Problem bleibt, dass ich keinerlei Unterlagen zum Fossil auftreiben konnte und kann.

@Simon:
Wenigstens Deine Frage kann ich hoffentlich einigermaßen sicher beantworten:
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Reptil in absehbarer Zeit nochmals umziehen wird. Dem Vernehmen nach (!) wurde es nach seinem Fund einem Museum angeboten, das es gern genommen hätte, aber nicht einmal die "Umzugskosten" tragen wollte/konnte. Dann wurde dem Vernehmen nach (!) der jetzige Standort bestimmt. Vermutlich bleibt mir der kalte Freund also räumlich verbunden. Es hat für mich schon einen gewaltigen Charme, wenn man in ein neues, völlig unbekanntes Gebäude umziehen muss und dann feststellen darf, dass fünf Meter schräg unter seinem Bürostuhl ein solches Museumsstück von einem Fossil hängt. Gern führe ich auch meine Besucher zum Ausgang neben der Platte - häufig konkurrieren die aufgerissenen Augen der Besucher mit dem Knochenring am vormaligen Auge des Ichthyos.

@Olli:
Wenn das "Augenzwinkern" angekommen ist, habe ich das mir für den Beitrag Wichtigste erreicht.

Dank Euch allen!

Beste Grüße
Michael

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Lybyman
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Re: Beitrag: Der Ichthyosaurier vom Ölberg in Regensburg

Beitrag von Lybyman » Donnerstag 3. Oktober 2013, 11:41

Hallo Michael,

hab recht herzlichen Dank für Deinen sehr ausführlichen Bericht !

Wenn ein Fossil sozusagen auch noch eine Vorgeschichte besitzt ist es meist noch viel spannender als ein gewöhnlicher Fund !

Ich Danke Dir !

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Miroe
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Re: Beitrag: Der Ichthyosaurier vom Ölberg in Regensburg

Beitrag von Miroe » Montag 7. Oktober 2013, 19:16

Danke, Axel!

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